Eurythmie als Unterrichtsfach – eine Chance

Eurythmie als Unterrichtsfach – eine Chance!

Versuchen sie einmal, sich in einen Blinden hineinzuversetzen oder auch in einen Taubstummen und jemand versuchte, ihnen hell, dunkel, eng oder weit nahe zu bringen. Sie werden vielleicht gewahr, wie sehr sie an dem festhalten, was sie an eigenen Begriffen mitbringen.

Nun stellen sie sich noch vor, wie Kaspar Hauser nicht einmal Begriffe für den Raum, seine Richtungen, Farben, Laute, Töne usw. zu haben, und jemand versuchte, ihnen auch diese zu vermitteln.

Jaques Lusseyran schreibt in seinem Buch „Das wiedergefundene Licht“, dass es ein Glück im Unglück für ihn war, als junger Mensch zu erblinden, in einer Entwicklungsstufe also, in der er noch nicht so von Gewohnheiten geprägt und somit noch sehr offen für andere Sinneswahrnehmungen war. Vor allem als Erwachsener hat man ja feste Gewohnheiten, die keiner Erklärung mehr bedürfen. Die Bewegungen verstehen sich sozusagen von selbst. Das Ungewohnte infrage zu stellen wird dagegen schon Gewohnheit.

Angenommen sie wären in den eben erwähnten Situationen der Vermittler. Sie hätten sich die Vermittlung von Ungewohntem bzw. die Veränderung von Gewohnheiten zur Lebensaufgabe gemacht und würden ständig gefragt, was sie denn eigentlich da machten. Versetzen sie sich also einmal in einen Eurythmisten.

Mittlerweile kann man die Eurythmie eigentlich nicht mehr als junge Kunst bezeichnen, und doch gehört sie außerhalb des Waldorfumfeldes eher noch zum Ungewohnten. Ein Eurythmist hat folglich ständig auf zwei Ebenen zu kämpfen: nämlich zum einen in seiner Verwirklichung als Künstler und zum anderen in der Vermittlung und Begründung seiner Kunst selbst.

In der Eurythmie werden das Hören (Sprache/Musik) und das Sehen (Farben/Raumformen) auf eine ganz eigene Art ergriffen. Die Folge davon ist eine Sensibilisierung im Erleben von Raum und Zeit und eine Steigerung sowohl des Bewegungsgefühls als auch des Erinnerungsvermögens. Der Körper spricht und erinnert sich!

Bei der Vorstellung, alle Bewegungsabläufe und Raumformen aus dem Kopf machen zu müssen, wird klar, dass die Sprache ja noch etwas stark vom Intellekt Gesteuertes beinhalten mag, die Bewegung dies jedoch nicht mehr zulässt, will sie nicht in einer Mechanisierung erstarren.

Im Ringen um Ausdruck erfüllt sich die Bewegung mit Sinn und gewinnt an Lebendigkeit. Ebenso wie sich schließlich die Physiognomie als Ergebnis seelischer Entwicklung verändert, geht auch hier der Verwandlungsprozess bis ins Physische.

Voraussetzung für eine solche innere Aktivität ist höchste Aufmerksamkeit, die wiederum ein freiheitliches, durch nichts zu erzwingendes Moment darstellt. In dieser freiwilligen Aufmerksamkeit liegt zugleich eine Kraft, in der der Einzelne durch die Gruppe über sich hinauswachsen kann. Man bildet gemeinsam Raum, wird zum Teil eines Ganzen!

Man kann, um mit Lusseyran zu sprechen, erleben, dass das innere Leben mehr als nur eine persönliche Angelegenheit ist.

H. Hoff