20/05 2013

Das Projekt „Impulse“

Alle kennen sie, die schnellen, für jeden Unterrichtsstoff zu begeisternden Kinder, die mit dem aufmerksamen Blick, dem großen Wortschatz, den außergewöhnlichen motorischen Fähigkeiten! Oft sind sie außerdem begnadete Musiker…

Natürlich bekommen sie in jedem Klassenspiel die Hauptrollen, sind kontaktfreudig und ernten jede Menge Bewunderung für ihre Referate, Epochenhefte und zusätzlichen Leistungen.

Genau an diese Kinder, die das vielseitige Angebot der Waldorfschule meist voll ausschöpfen, die glücklich und eigeninitiativ sind, wendet sich das Projekt gerade nicht! An wen also dann?

Das Projekt „Impulse“ wendet sich an das versteckte Genie, an diejenigen, die es aufgegeben haben, ihre besonderen Interessen mit Gleichaltrigen zu teilen, weil sie nicht verstanden werden. Oft wenden sich diese Kinder Erwachsenen zu, grenzen sich ab oder werden ausgegrenzt.

In der Schule können sie alles sofort. Sie brauchen sich nicht anzustrengen und haben daher kein Lernerlebnis. Sie „gucken nicht mehr hin“ und erüben wichtige Arbeitstechniken nicht. Langeweile kann aufkommen, wenn die Schülerinnen und Schüler häufig warten müssen oder regelmäßig Hilfestellung für langsamere Mitschüler geben sollen, ohne selbst einmal zum Zuge zu kommen. Es kann passieren, dass sich diese Kinder im Unterricht seltener beteiligen, da sie erleben, dass ihre Fragen „zu weit führen“ oder die anderen nicht interessieren. Dies kann zur Folge haben, dass sich reich begabte Kinder, denen jeder ein gesundes Selbstbewusstsein zusprechen würde, existentiell in Frage stellen. Revoltiert ein solches Kind oder stört den Unterricht, so werden wir Lehrer rasch aufmerksam. Handelt es sich aber um stille, zurückhaltende Schülerpersönlichkeiten, kann eine solche Problematik lange unbemerkt bleiben.

Dass die so genannten „Hochbegabten“ nicht automatisch eine Traumkarriere an unseren staatlichen oder privaten Schulen absolvieren, sondern im Gegenteil häufig unter sozialen Schwierigkeiten, Schulversagen oder Schulverweigerung, Verhaltensauffälligkeiten, psychosomatischen Beschwerden bis hin zu Depressionen leiden, ist in jüngster Vergangenheit in pädagogischer Fachliteratur umfassend beschrieben worden. Gymnasien und Hochschulen bieten daher seit einiger Zeit Förderprojekte für „Hochbegabte“ an.

„Hochbegabung“- ein Thema, das uns an der Waldorfschule nichts angeht? Wir behaupten das Gegenteil! Unsere Pädagogik fördert Individualität, Kreativität und Vielseitigkeit. Entsprechend findet jeder Klassenlehrer in seiner Klasse Kinder mit besonderen Begabungen, kleine Genies mit den beschriebenen Eigenschaften. Ihre Eltern versuchen häufig, unglückliche Schulbiographien durch einen Wechsel zum Gymnasium zu wenden- nicht immer beantwortet dies die eigentliche Suche eines schulmüden Kindes.

Ziel des Projektes „Impulse“ ist es, den Kindern den Spaß an der Schule, den Spaß am Lernen zu erhalten. In altersgemischten und themenbezogenen Kursen sollen sie Gleichgesinnte finden. Hier trägt individuelles Interesse, alle Fragen sind „dran“, es wird geforscht, vertieft und diskutiert ohne zu warten. Lerntechniken sollen erworben, Arbeitsstrategien kennen gelernt und erübt werden. Bewusst verzichten wir bei der Auswahl der Schüler auf die üblichen Kriterien, Ergebnisse von Intelligenztests etc. Jedem Kind, das von seinem Klassenlehrer vorgeschlagen wird, sollte die Teilnahme möglich sein. Das Kursangebot zielt nicht darauf ab, die vorhandenen Schulfächer zu vertiefen, sondern im Gegenteil, hier sind Themen erwünscht, die außerhalb des Unterrichtes liegen. Das Problem der Langeweile soll nicht nur um ein paar Jahre nach hinten verschoben werden, indem Schulstoff vorweggenommen wird. Hier wird die Suche dieser Schüler nach neuen Impulsen und neuen Herausforderungen am Schulvormittag ernst genommen. Bisher wurden unter anderem folgende Kurse angeboten: Astronomie, Politik, Naturbeobachtung, Logik, Konversation in Englisch und Französisch, die Kultur Chinas, Chemie und Physik oder die Entstehung einer Zeitung.

Organisatorisch laufen die Kurse nach einem festen Schema ab: Sieben Doppelstunden dauern die Kurse, es gibt in jedem Schulhalbjahr einen Durchlauf. Diese Stunden liegen nach Möglichkeit am Vormittag, damit die Förderung während des regulären Unterrichtes stattfinden kann. In Absprache mit dem Kollegium sollten die Kurse nicht zeitgleich mit den künstlerischen Fächern laufen, da gerade „kopflastige“ Schüler den Ausgleich durch Kunst brauchen.

Jede Gruppe besteht idealerweise aus 4-6 Schülern, sie können bis zu 3 Jahrgänge umfassen. Dies soll auch das Finden von Gleichgesinnten quer durch die Schule möglich machen.

Der Klassenlehrer, die Eltern und der Schüler entscheiden gemeinsam darüber, welcher der möglichen Kurse gewählt wird. Manchmal ist nichts Passendes dabei, mitunter nehmen Schüler auch an mehreren Durchläufen nacheinander teil. Wie jede andere Förderung, braucht auch das Impulse Projekt eine gewisse Zeit, um wichtige Kompetenzen zu fördern: wie z.B. das Lernen zu lernen, sich konsequent einer Aufgabe zu stellen, auch im Detail genau zu sein, ausdauernd an einem Thema zu arbeiten und wieder Spaß am Lernen zu haben und Eigenmotivation zu entwickeln.

Inzwischen sind wir bei der 11. Runde des Projektes  angekommen. In den Jahren seit 2008 haben durchschnittlich 36 Schüler aus den Klassen 2-8 (mit Kleinklassenbereich) unsere Kurse in jedem Halbjahr besucht. Wir können mit vielen „ständigen“ Mitarbeitern und neuen Kursleitern rechnen, die sich über die durchweg motivierte und sehr interessierte Schüler freuen. Sie sind allesamt in Lehrberufen tätig oder in der Lehrerausbildung, oder sind gut bewandert im Thema ihrer Kurse.

Zitate:

Kursleiterin: „Der Kurs war eine ‚Oase‘ für die Schülerin. Sie konnte sich voll engagieren, war ständig gefordert, arbeitete intensiv mit und machte einen glücklichen Eindruck. Wir mussten jedes Mal mit Bedauern abbrechen, wenn die Zeit um war.“

Kursleiter: „B. zeigte sich voller Forscherdrang und war mit großem Interesse bei der Sache. Er lernte zunehmend, seine Gedankengänge anderen klar mitzuteilen. Mit der Zeit erkannte er, dass ‚Fehler‘ einen Entdeckungsverlauf nicht hindern müssen, sondern fördern können und dass ‚Arbeiten‘ statt Intuition auch in der Mathematik zum Ziel führen kann.“

Klassenlehrerin: „Alle drei Schülerinnen kamen aus dem Projekt mit gestärktem Selbstwertgefühl und mehr Selbständigkeit hervor, was Schule und Lernen betrifft.“

Eltern: „Die Teilnahme brachte für unsere Tochter einen Impuls, weil sie in einer ruhigen Atmosphäre entdeckend lernen konnte, während sie im Klassenverband eher untergeht.“

Vera Ostheider-Rombeck, Krisztina Todt