Jedem Kind sein Instrument























Siehe dazu auch: http://www.waldorf-ideen-pool.de/index.php?katid=579

Alle Kinder einer Jahrgangsstufe haben die Möglichkeit, aus den angebotenen Instrumenten das Instrument ihrer Wahl zu spielen: Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Querflöte, Gitarre, Trompete oder Posaune. Dabei werden sie zwei Mal in der Woche für 30 Minuten in Gruppen von 3-4 Schülern unterrichtet. Indem der Unterricht während der Schulzeit stattfindet, müssen die Eltern nicht noch zusätzliche Fahrten in der Woche leisten, um an eine Musikschule o.ä. zu gelangen. Es entfällt die Mühe, sich um die Anschaffung eines geeigneten Instruments kümmern (siehe Musikfördergemeinschaft) und die Eltern haben nicht das Problem, einen Lehrer finden zu müssen. Da der Unterricht während der Schulzeit stattfindet, kann zweimal in der Woche unterrichtet werden, was zu Beginn des Erlernens eines Instruments von großem Vorteil ist. Die Kinder motivieren sich in den Gruppen gegenseitig, so dass eine positive Unterrichtsatmosphäre entsteht. Leistungsdifferenzierung wird angestrebt, indem auch verschiedene Aufgaben gegeben werden. Schüler, die schon ein paar Lieder für „Feinschmecker“ dazugelernt haben, können diese während der Stunde einzeln vortragen, oder andere Kinder spielen mit einfacheren Stimmen/Aufgaben dazu. Auch bei einem Konzert kann in verschiedensten Besetzungen musiziert werden. Wir werden uns bemühen, auch diejenigen Kinder bei einem Konzert und den dazugehörigen Proben zu integrieren, die nicht am Projekt teilnehmen, weil sie schon früher ein Instrument zu spielen angefangen haben. Da in jedem Jahrgang meistens zwei Instrumentengruppen zustande kommen, die beim gleichen Lehrer Unterricht bekommen, ermöglicht dies, dass jeder Lehrer nach dem ersten Jahr des Musikprojekts die Gruppen umbesetzen kann, um individueller auf die Lerntempi der Kinder eingehen zu können.

Die Waldorfschule arbeitet aus ihrem Menschenverständnis heraus kind- und altersgemäß. Daher gibt es eine klare Verteilung der zu erlernenden Fähigkeiten in den verschiedenen Altersstufen, bzw. Klassen Die Instrumentallehrer versuchen einen Instrumentalunterricht zu entwickeln, der möglichst Hand in Hand mit dem Schulunterricht der Waldorfschule einhergeht. Dabei ist die inhaltliche, wie auch die methodische Zusammenarbeit mit den Klassenlehrern und den Musiklehrern besonders wichtig und auch hilfreich: Lieder, die im Unterricht gesungen werden, können auf dem Instrument gelernt, oder umgekehrt Lieder und Sprüche, die für den Instrumentalunterricht wichtig sind, wenn sie dazu geeignet sind, im Schulunterricht aufgenommen werden. Auf diese Weise ist ein Lernen über die Sinne und die Erfahrung möglich

Der erste Schritt: Das Instrumentenkarussell

Alle Kinder der 1. Klassen bekommen jeweils nach Ostern die Möglichkeit, alle angebotenen Instrumente kennen zu lernen. Dabei wird ihnen vorgespielt und sie dürfen selber versuchen. Das Instrumentenkarussell kann als erweiterter Musikunterricht – Instrumentenkunde – aufgefasst werden. Diejenigen Kinder, die ein Instrument erlernen wollen, dürfen sich eines aussuchen, diejenigen Kinder die später nicht am Musikprojekt teilnehmen, lernen etwas über die Vielfalt der Instrumente kennen und diejenigen, die schon ein Instrument spielen, können einmal probieren, wie sich ein anderes Instrument anfühlt und wie es klingt. Das Instrumentenkarussell ist für die Eltern kostenlos!

Wenn die Kinder, die am Musikprojekt teilnehmen werden, sich für „ihr“ Instrument entschieden haben – dies wird von den Eltern und Lehrern begleitet - werden die Instrumentengruppen eingeteilt. Kurz nach den Sommerferien beginnt der Unterricht.

Gruppenunterricht

Je nachdem, wie die Kinder gewählt haben, gestalten sich die Gruppen mit 3-4 Kindern. Größere Gruppen haben sich in diesem Alter für uns nicht bewährt. Der Gruppenunterricht bietet die Möglichkeit, in den verschiedensten Fähigkeiten zu spielen und zu musizieren: Ein Schüler kann auch einmal der Lehrer sein, Vor- und Nachspiel kann geübt und in verschiedenen Rollen erfunden werden usw. Dies fördert ein waches Mithören beim Spielen, Tonvorstellungen werden gebildet und Klänge und Spieltechniken können erforscht, Führen und Folgen usw. geübt werden. Erste improvisatorische Übungen zu musikalischen Klangphänomenen, Bogen- und Fingertechnik (entsprechend bei den Bläsern) können mit Hilfe von Bewegungsspielen und Geschichten in der Gruppe besser realisiert werden, als im Einzelunterricht. Durch gemeinsame Liedauswahl ist es möglich, auch gemeinsam in anderen Gruppenbesetzungen zu musizieren oder im Krankheitsfall zu vertreten.

Zu den Instrumentallehrern

Nicht jeder der Instrumentallehrer hat Erfahrung im waldorfpädagogischen Schulunterricht. Umso wertvoller ist daher der regelmäßige Austausch der Instrumentallehrer mit den Klassen- und Musiklehrern über Material, Übungen und pädagogische Vorgehensweise im Unterricht. Auch hospitieren wir gegenseitig, denn jeder Lehrer bringt doch eigene Methoden, Erfahrungen und Ideen mit. Die Lehrer empfinden dies als sehr fruchtbar, da man es als Instrumentalpädagoge doch eher gewohnt ist, seinen Unterricht „im stillen Kämmerlein“ zu absolvieren.

Die Instrumentallehrer treffen sich regelmäßig, um sich in allen Fragen auszutauschen und die Organisation zu besprechen.

Elternarbeit

Die Einführung des Instrumentalunterrichts kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Eltern sich für den Instrumentalunterricht engagieren und die Idee des Musikprojekts mittragen. Voraussetzung dafür ist eine umfassende Information der Eltern über die positiven Auswirkungen des Instrumentalunterrichts, aber auch über die praktische Umsetzung (Auswahl der Instrumente, Verleihsystem etc.). Die Eltern werden durch eine regelmäßig erscheinende Projektinformation über alle anstehenden Fragen, Themen und Termine auf dem Laufenden gehalten. Drei gemeinsame Konzerte in den zwei Jahren für und mit den Schülern der 2. und 3. Klassen runden das Projekt ab.

Beschaffung der Instrumente

Es ist der Wunsch der Projektleitung, den Eltern für den Beginn des Instrumentalunterrichts die günstige Ausleihe eines Instruments der Musikfördergemeinschaft der Schule anbieten zu können, dabei legen wir großen Wert auf gute Instrumentenqualität Wenn das Kind erst richtig Gefallen an seinem Instrument gefunden hat, können die Eltern mit Unterstützung der Instrumentallehrer selber initiativ werden. Dazu sind zwei Jahre Zeit, die das Musikprojekt dauert. Auf Grundlage der Musikfördergemeinschaft e.V. der Rudolf-Steiner-Schule Bochum wurden zu Beginn des Projekts über 150 hochwertige Instrumente durch Stiftungsgelder angeschafft. Nach zehn Jahren müssen wir inzwischen vor allem bei den Bläsern neue Instrumente kaufen, aber auch die Streichinstrumente haben sich dezimiert, da immer mal eines zu Bruch gegangen ist und die Versicherung nur einen Teilbetrag des Neuwertes erstattet.

Kosten des Musikprojekts

Der Unterricht wird durch Elternbeiträge finanziert: 50.- Euro pro Monat für zweimal Unterricht pro Woche, 50.- Anmeldegebühr, (23 Monate Beitrag über die Zeit des laufenden Musikprojekts), 7.- Euro Kopierkosten, einmalig. Die Instrumente werden gegen eine Leihgebühr von 5.- Euro und 75.- Euro Kaution ausgeliehen. Die geliehenen Instrumente sind versichert.

Räume des Projektes

Die Rudolf-Steiner-Schule stellt die Räume zur Verfügung. Diese werden zu Beginn des Musikprojekts bekannt gegeben.

Wie geht es in der 4. Klasse weiter? Am Ende der 3. Klasse raten wir den Eltern für ihre Kinder Privatunterricht zu organisieren wenn sie weiterspielen wollen. Die Instrumentallehrer des Musikprojekts helfen nach Möglichkeit bei der Vermittlung. In der 4. Klasse musizieren wir mit den Kindern voraussichtlich weiterhin während der Schulzeit in verschiedenen Ensembles, um die Motivation durch das Zusammenspiel zu fördern. Die Erfahrung hat gezeigt, dass das zweimalige Musizieren in der Woche (Privatunterricht/Orchester) zu nachhaltigen und schnelleren musikalischen Fortschritten bei den Schülern führt.

 

Grundlagen des Musikprojektes

 

Allgemeine Ziele des Projekts

„Im Musikunterricht lernen wir nicht nur die Musik. Das Singen fördert die Konzentration, die Aufmerksamkeit, verbessert die psychosomatische Disposition, erzieht zur Arbeit, macht Kräfte im Menschen lebendig, gibt Mut, befreit ihn von Hemmungen, erzieht zur Gemeinschaft, bewegt den ganzen Menschen nicht nur partiell und macht die Schule anziehender. Der Musikunterricht fördert die in jedem Menschen vorhandene Musikalität, damit legt er die Grundlage der musikalischen Bildung, wodurch seine Lebensqualität erhöht wird.“ (Zoltán Kodály 1956)

„Leider müssen wir immer so viel Zeit verlieren, um das zu prüfen, was selbstverständlich wäre. Obschon die Beweise immer häufiger werden (...), gibt es noch immer nicht in allen Schulen aller Länder einen guten Musikunterricht. Bestimmt kann man behaupten, dass ohne Musik keine gründliche soziale Harmonie und keine positive Beziehung zur Natur zu schaffen ist.“ (Yehudi Menuhin 1993)

Musik als Lern- und Entwicklungshilfe

Die intensive Beschäftigung mit Musik fördert das Kind auf umfassende Weise. Es werden Fähigkeiten erworben, die auch für andere Fächer in der Schule von Vorteil sind: Konzentration, Ausdauer, Lern- bzw. Übbereitschaft, soziale Aufmerksamkeit, Ausgeglichenheit, innere Beweglichkeit u.a.

Wir können uns heute auf anerkannte Studien stützen,[1] die zu dem übereinstimmenden Ergebnis kommen, dass die Musik durch ihre vielfältige Wirkensweise positiv auf die Entwicklung unserer Kinder wirkt. Der Frankfurter Musikpädagoge Prof. Dr. Hans Günther Bastian hat anhand einer an Berliner Grundschulen durchgeführte „wissenschaftlich fundierte“ Langzeitstudie (1992-1998) erstmals für eine Anerkennung dieser Tatsachen gesorgt. In seiner 2000 erschienenen 700 Seiten starken Schrift „Musik (erziehung) und ihre Wirkung“ (Schott), legt er die Ergebnisse von mehr als 100 Testeinsätzen und der Auswertung von über einer Millionen Daten dar. Es wird auf frappante Weise deutlich, wie stark erweiterte Musikerziehung in positiver Weise die Persönlichkeitsentwicklung von Grundschulkindern beeinflusst:

 

- signifikante Verbesserung der sozialen Kompetenz,

- Steigerung der Lern- und Leistungsmotivation,

- ein bedeutsamer IQ-Zugewinn,

- Kompensation von Konzentrationsschwächen,

- Förderung von musikalischer Leistung und Kreativität,

- Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit,

- Reduzierung von Angsterleben,

- überdurchschnittlich gute Leistungen trotz zeitlicher Mehrbelastung u.a.m.

 

Musik fördert soziale Kompetenz Bastian geht von dem erweiterten Intelligenzbegriff des amerikanischen Psychologen Howard Gardner aus, der u.a. ein Schwergewicht auf die Bedeutung der emotionalen Intelligenz legt. Blickt man auf die stetig steigenden Gewaltdelikte unter immer jüngeren Kindern, die immer häufiger fehlende familiäre Stütze, soziale Verarmung in vielen Familien, den stetig wachsenden Konsum an rezipierenden Sinneseindrücken, den Überschuss an materiellen Dingen oder die Vereinsamung am Computer, um nur einiges zu nennen, so wird deutlich, dass dringend erfolgreiche Hilfen für die Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen von Nöten sind.

Leider wird heute noch häufig Begabung mit akademischer Intelligenz und Intelligenz mit guten Schulnoten gleichgesetzt. Wie viele „Intelligenzen“ bleiben dabei unbeachtet und nicht anerkannt! Der IQ ist eine sehr „unspezifische Begabung“, bei der nur die kognitive Leistung zählt und dieser entscheidet oft allein über das Schicksal vieler Kinder.

Kindern fällt es immer häufiger schwer, sich in sozialen Konstellationen zurechtzufinden. Dabei spricht man immer häufiger von mangelnder sozialer Fähigkeit. Der IQ-Wert ist bei vielen Kindern überdurchschnittlich hoch und doch fällt auf, dass er allein nichts darüber aussagt, wie gut sich die Kinder in der Welt einsetzen und zurechtfinden können. Soziale Kompetenz schließt, so Bastian, moralische und kommunikative Fähigkeiten ein.

Bastians Studie weist unmissverständlich auf, dass Kinder, die verstärkt Musikunterricht erhalten, im Gegensatz zu den Vergleichsgruppen ein deutlich besseres Sozialverhalten aufweisen (bis zu 50%), was die soziale Einbindung der Schüler untereinander, Sympathie- oder Antipathiewerte anderen gegenüber, die Bereitschaft auffälliger Kinder sich in die Klassengemeinschaft einzugliedern usw. betrifft.

Bastian berichtet von A. Maillard-Städter (Musiklehrerin an der musikbetonten Grundschule Berlin), die Beispiele aus der Praxis nennt:

 

„Eine Schülerin in der 6. Klasse stellte einmal die Frage: „Wie kommt es eigentlich, dass man nach dem Musizieren so friedlich ist?“ – Ein Junge, der als sozial schwierig angesehen wurde und vor dem sowohl Lehrer als auch Mitschüler „Respekt“ hatten, entwickelte sich zu einem echten Musiktalent. Er spielte Saxophon und Schlagzeug, was von allen positiv erlebt wurde. Bei öffentlichen Auftritten holte er sich Anerkennung. Seine Begabung bewahrte ihn davor, von den Lehrern und Mitschülern „abgestempelt“ zu werden. – Ein ausländischer Junge kam als Seiteneinsteiger in der 5. Klasse an die Schule. Er zählte Aufgrund seiner kräftigen Erscheinung zu den Furcht einflößenden Kindern. Nach Einschätzung der Lehrer hatte er alle Voraussetzungen, aggressiv zu werden. Noch bevor er sich in der deutschen Sprache verständigen konnte, spielte er im Orchester Altflöte. Auf diese Weise fühlte er sich von den Mitschülern angenommen und in gewisser Weise verstanden.“[2]

„Musizieren wirkt gemeinschaftsfördernd, beugt durch besseres Kennenlernen Vorurteilen und Ausländerfeindlichkeit vor, erhöht die Identifikation mit der Schule, verhindert Gruppen- und Bandenbildung ohne sinnvolle Inhalte, baut Aggressionen und Schulvandalismus ab und fördert die Gruppenidentität, reduziert Schulunlust und Schwänzen.“

Kinder der Zukunft

Was braucht und erwartet die Gesellschaft von ihrem Nachwuchs? Man spricht allerorten von Schlüsselqualifikationen, die von Berufseinsteigern erwartet werden.

„Die in der berufspädagogischen Literatur am häufigsten genannten Bedeutungen von Schlüsselqualifikationen sind: Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Flexibilität, Kreativität, Denken in Zusammenhängen, Selbständigkeit, Problemlösefähigkeit, Transferfähigkeit, Lernbereitschaft und Durchsetzungsvermögen, um nur die wichtigsten zu nennen."[3]

 

Politik, Wirtschaft und Industrie fordern:

- Extraversion als Kontaktfähigkeit,

- Verträglichkeit als Teamfähigkeit,

- Gewissenhaftigkeit als Verantwortungsbereitschaft,

- emotionale Stabilität als seelische Belastbarkeit in Stresssituationen.

 

Musik bietet eine immense Chance, eben jene Persönlichkeitsmerkmale zu fördern:

 Im ausdrucksstarken Spiel wird Extraversion gefordert und gefördert,

Teamfähigkeit im Ensemblemusizieren,

Gewissenhaftigkeit gegenüber dem musikalischen Werk und der Musiksozietät,

emotionale Stabilität in der Situation der Darbietung,

Intelligenz in der kongenialen Interpretation eines musikalischen Werkes.

„Es gibt nicht nur Ressourcen in Form von Bodenschätzen. Phantasie ist wichtiger als Wissen, hat Einstein gesagt. Kreativität ist für die Zukunft ein wichtigeres Potential als Armeen oder Industrieanlagen. Das ist der Grund, weshalb in den Schulen der Musikunterricht gleichwertig mit Mathematik und Chemie sein müsste. Ich halte „Jugend musiziert“ für genauso wichtig wie „Jugend forscht“. (Heiner Geißler 1997)

Musikalität im Blickwinkel der Hirnforschung

Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass die Melodieverarbeitung in der rechten und die Rhythmusverarbeitung mehr in der linken Gehirnhälfte geschieht. Daher sind beim Musizieren beide Gehirnhälften aktiviert, was zu einer optimaleren Ausbalancierung beider Hemisphären führen muss. Die meisten Menschen aktivieren für bestimmte Tätigkeiten eine der beiden Gehirnhälften stärker, als die andere. Messungen bei Berufsmusikern haben ergeben, dass diese eine deutlich ausgebildetere Verbindung zwischen beiden Hemisphären haben.[4]

Interessant ist eine Äußerung der Hirnforscher Altemüller und Gruhn („Der Musikverstand“, 1995), die meinen, dass „der Erwerb musikalischer Vorstellungen (...) an körperlich durch Bewegen, Singen und Spielen erworbenen Mustern ansetzten (muss), bevor begriffliche Benennung, symbolische Übertragung (Notation) und theoretische Erklärung sinnvoll hinzutreten können. Musik kann nur musikalisch und nicht über Begriffe und Regeln gelernt werden.“[5]

E. Gordon weist darauf hin, dass das Gehirn des Kindes sich bis zum 9. Lebensjahr zu seiner vollen Reife entwickelt. Auch er betont, dass es von höchster Bedeutung sei, dass in dieser Zeit, also bis zum 9. Lebensjahr, dem explizierten, begrifflichen Lernen, immer ein erfahrungsbezogenes Lernen vorgeschaltet sein muss, bei dem mentale Repräsentationen erworben werden können.

Dies ist für die Praxis der Musikerziehung eine Erkenntnis von höchster Relevanz: Durch das eigene Tun lernen!

Man sollte sicherlich nicht den Erfolg durch die Musik als ein zu verabreichendes Medikament missbrauchen, gehört sie doch eigentlich, wie schon durch Sokrates bekannt wurde, zum ausgewogenen Leben dazu. In einer ganzheitlichen Erziehung darf sie aber nicht fehlen, vermittelt sie doch eine sonst nicht zu erzeugende Stimmung als Lust und Genuss beim Spielen oder Hören. Befragt man Jugendliche nach dem Stellenwert von Musik in ihrem alltäglichen Leben, so bestätigen empirische Studien, dass für 90-95% aller Jugendlichen Musikhören das wichtigste Freizeitvergnügen ist.[6] Am 13. November 2000 war in der FAZ zu lesen:

„...Mit dem Geist-, Kreativitäts-, Sozial- und Gefühlskapital unserer Künste können wir die Schulen zu „Kreissälen der Zukunft“ ausbauen. Freilich sollte, bei allen Transfereffekten, eines nicht übersehen werden: Die Begabung zur Freude am Schönen, am Spielerischen und Kreativen bleibt primäres Ziel der Musik an den allgemeinbildenden Schulen. Mit der Folge: Jedes Kind kann durch Musik zu seinem eigenen Walkmann werden..“ (H.G. Bastian)

Für heutige Kinder ist es sinnvoll, ein Instrument früh zu erlernen. Manche Schüler brauchen eine zusätzliche Herausforderung und für andere ist die besondere Aufmerksamkeits- und Auffassungsschulung, wie sie in der Musik möglich ist, hilfreich. Außerdem ist es im Übergang zur Pubertät leichter, die Motivation für ein tägliches Üben aufrecht zu erhalten, wenn die Schüler durch ihr dann schon fundierteres Können auf dem Instrument interessantere Stücke spielen können. Häufig wird in der Pubertät ein Instrument aufgegeben, wenn das Können noch nicht genügt, um für sich alleine oder in der Gruppe ein befriedigendes musikalisches Erlebnis zu schaffen. Nicht selten fehlt es auch an der Möglichkeit des gemeinsamen Spiels: Orchester, Big Band, o.ä. Ist das Instrumentalspiel jedoch ein fester Bestandteil des Schulunterrichts, so kann durch entsprechende Arbeit (Projekte, Kurse) für den einen oder anderen Schüler eine wichtige Stütze entstehen.

 


[1] Seit den siebziger Jahren wird verstärkt auf den positiven Einfluß der Musik auf die persönliche, als auch auf die schulische Entwicklung der Kinder hingewiesen. Dies wurde auf dem europäischen Kongress für Musikpädagogik in Luzern 1997 durch zahlreiche Berichte von Fachleuten bestätigt. Siehe das darüber erschienene Buch: „Persönlichkeitsentfaltung durch Musikerziehung“ (Hrsg. Josef Scheidegger und Hubert Eiholzer in Musikedition Nepumuk)

[2] Bastian: Kinder optimal fördern – mit Musik, S. 61

[3] ebenda S. 18

[4] In: „Persönlichkeitsentfaltung durch Musikerziehung.“ S. 81ff (Hrsg. Josef Scheidegger und Hubert Eiholzer)

[5] Hans Günther Bastian: „Kinder optimal fördern – mit Musik.“ S. 38

[6] ebenda S. 32

 


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